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Anmeldungsdatum: 06.08.2009 Beiträge: 316
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Verfasst am: 21.10.2011, 10:52 Titel: |
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Achterbahn-Ingenieur Werner Stengel
Er weiß, wie viel der Mensch verträgt
Ein Leben im Dienste der Beschleunigung: Der Ingenieur Werner Stengel hat über 600 Achterbahnen in aller Welt entworfen. Zu Besuch in der Schmiede des Schreckens.
Von Pascal Morché, München
Der Schrecken ist einer der größten Exportartikel Deutschlands. Wer ihn am besten kalkuliert und realisiert, der muss geehrt werden. „Das ist so“, sagt Werner Stengel und lässt keinen Zweifel aufkommen, dass vor drei Jahren die Entscheidung des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler ebenso folgerichtig wie konsequent war, ihm „das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“ zu verleihen. „Ich habe für deutsche Unternehmen Milliardenaufträge mit meiner Arbeit ins Land geholt“, stellt der 75-jährige Ingenieur klar und erinnert sich, dass es in der Laudatio auf ihn hieß: „Von Insidern als ,Achterbahn-Guru' bezeichnet, haben Sie sich hohes Ansehen als Botschafter deutscher Ingenieurkunst weltweit erworben.“
„Achterbahn-Guru“ Werner Stengel nimmt die Elogen der Ehrung nüchtern. „Ich weiß einfach, wie viel der Mensch verträgt, und ich weiß, was ihm Spaß macht.“ Ganz offensichtlich macht dem Menschen der Schrecken am meisten Spaß. Jener Schrecken, der ihm ins Gesicht geschrieben steht, wenn er eine Achterbahn fährt, die dem Hirn und dem Reißbrett des Ingenieurs Werner Stengel entsprang.
Adrenalinkicks und keine „Kotzmühlen“
Mehr als 600 Achterbahnen hat er errechnet und konstruiert; über 2000 Karussells, Geisterbahnen, Autoscooter, Riesenräder, Wasserrutschen in Freizeitparks auf allen Kontinenten stammen aus seinem Ingenieurbüro - und natürlich auch gut vierzig Prozent aller Fahrgeschäfte, die auf dem gestern in München eröffneten Oktoberfest Adrenalinkicks garantieren. Hat Werner Stengel also gute Arbeit geleistet, wenn einem dort schlecht wird? „Ich bin kein Sadist. Wenn jemandem schlecht wird, dann taugt die Achterbahn nichts. Schausteller nennen das ,Kotzmühlen'. Die sind nicht beliebt, da will das Publikum kein zweites Mal drauf.“
Nein, der Pate des organisierten Erbrechens sei er nicht. Weder auf dem Oktoberfest, wo seine Achterbahn „Olympia“ die Fahrgäste durch fünf Loopings schleudert, noch in Abu Dhabi, wo man auf dem Roller-Coaster „Formula Rossa“ eine Höchstgeschwindigkeit von 240 Kilometern pro Stunde erreicht, oder auf der 140 Meter hohen „Kingda Ka“-Bahn im Vergnügungspark von New Jersey. Von Disney World bis Gorki Park kreischen die Menschen in Stengelschen Bahnen, wenn sie mit fünffacher Erdanziehung in die Sitze gedrückt werden.
Die Panikschmiede in der Villenstraße
Der ältere Herr stellt die Nordic-Walking-Stöcke in eine Ecke seines Büros, das sich in einem Einfamilienhaus im Münchner Vorort Forstenried befindet. Alle zwei Tage laufe er sieben Kilometer im angrenzenden Wald, sagt er. Auf seinen iPod hat Werner Stengel Opernarien, die Rolling Stones, Philosophievorlesungen von Sloterdijk und Vorträge über Quantenphysik geladen. So was höre er beim Powerwalking, und seit er das mache, sei er „krankhaft gesund“ - denn „Bewegung ist Leben“.
Hier, in dieser beschaulichen Villenstraße am Waldrand, ist also die Panikschmiede der Jahrmärkte und Freizeitparks dieser Welt untergebracht; hier tüfteln zehn Ingenieure an Rechnern immer neue Schikanen aus. Zwar hat die Leitung des Ingenieurbüros inzwischen Stengels Schwiegersohn übernommen, aber nach dem Walken kommt der weißhaarige Looping-Meister gerne vorbei. Auch wenn er sich aus dem „operativen Geschäft“ zurückgezogen hat, er ist immer noch der kreative Kopf des Büros und blickt von hier auf ein außergewöhnliches Ingenieurleben im Dienste der Beschleunigung zurück.
Nervenkitzel schon in den Kinderschuhen
Das begann in Bochum und sah erst einmal schlecht aus für Werner Stengel. Als Kind litt er unter Bronchialasthma, die Ärzte gaben ihm wenig Überlebenschancen. Im Fieber träumte der kleine Werner aber immer wieder den selben Traum: „Ich kletterte an einem Haus eine hohe Leiter hoch, und wenn ich oben war, fiel sie rückwärts mit mir um ins Unendliche.“ Vielleicht ist dieser Traum das Schlüsselerlebnis für Stengels späteres Werk und dessen Wirkung.
Als kleiner Junge bereits ist er fasziniert von Geschwindigkeit und dem Nervenkitzel, die sie auslösen kann. Er baut Seifenkisten auf Untergestelle von Kinderwagen; setzt zwischen den Trümmern einer Zeche verrostete Bergwerks-Loren in Bewegung und läuft 1949 mit elf Jahren zu Fuß von Bochum auf die Cranger Kirmes nach Wanne-Eickel, um sich die Busfahrkarte zu sparen und dafür einmal mehr mit dem Karussell zu fahren.
Erlebnisreize im Grenzbereich
Wenn Stengel Glück hatte, traf er auf der Kirmes einen Schwerbeschädigten. „Der durfte damals gratis eine Begleitperson mit aufs Karussell nehmen. Und ich habe immer versucht, diese Person zu sein.“ Später dann, während seines Ingenieurstudiums in München, jobbte Werner Stengel in einem Ingenieurbüro, wo man sein Talent erkannte und ihn einen Autoscooter entwerfen ließ. 1964, auf dem Oktoberfest, steht dann Werner Stengels erstes Meisterwerk: Die „Super Acht“ genannte erste Stahl-Achterbahn Deutschlands.
Zehn Jahre später konstruiert er in den Vereinigten Staaten den ersten Looping, der nicht durch die Wucht der Kräfte zu Schleudertrauma und Rückenverletzung führt. Der Ingenieur besann sich der geometrischen Klotoidenform und entdeckte sie für den Achterbahnbau. „Man fährt aus der Geraden erst in eine Kurve, die einen sehr großen Radius hat. Wenn man dann weiterfährt, wird der Radius immer kleiner und die Kurve bis zum Scheitelpunkt immer enger. Der schneckenartige Aufbau garantiert einen gleichmäßigen Anstieg der Beschleunigung.“ Und einzig auf die komme es an. Mild lächelnd weist Stengel darauf hin, dass schließlich „der Erlebnisreiz, den der Mensch auf einer Achterbahn hat, einzig durch Beschleunigungswechsel entsteht. Diese allerdings führen in Grenzbereiche, die man weder erwartet noch gewöhnt ist.“
„Ich war immer von Geschwindigkeit besessen“
Grenzbereiche machen Spaß, dennoch wird aus Lust schnell Last, wenn ein Mensch bei extremer Beschleunigung das sechsfache Gewicht seiner selbst tragen muss. Werner Stengel, der sich für viele Figuren seiner Achterbahnen von Kunstfliegern inspirieren ließ, informierte sich bei der Nasa darüber, was der plötzlich beschleunigte Mensch auszuhalten imstande sei. Gebührend Abstand nahm er dann von jenen Werten, die dort für trainierte, junge Piloten gelten, und legte die maximale Belastung des achterbahnfahrenden Menschen auf 6g, das Sechsfache des eigenen Gewichtes, fest, und auch das nur für eine einzige Sekunde: „Schließlich fahren auch Alte, Schwangere oder Menschen mit Herzschrittmachern“, erklärt Stengel und spricht von „durchschnittlicher Population“.
Er selbst fährt noch mit jeder Achterbahn und sitzt dabei am liebsten ganz vorne im ersten Wagen. Schließlich will er wissen, was da in dem Einfamilienhaus bei München, in dieser Wiege des Schreckens, konstruiert wurde. „Ich war immer von Geschwindigkeit besessen“, sagt er, und „wenn es die Straßenverhältnisse erlauben“, sei er auch sehr gerne mit Tempo 250 in seinem BMW auf der Autobahn unterwegs.
Die Aktivität wird zunehmen
Dagegen sei Achterbahnfahren ungefährlich: „Circa 200 Millionen Menschen fahren jedes Jahr in Deutschland die wahnwitzigsten Roller-Coaster.“ Die Chance, dabei verletzt zu werden, sei so groß „wie dreimal sechs Richtige im Lotto in Folge“. So spricht der Mathematiker, der „Erlebnisreize“ konstruiert, wie es sie sonst nur im Düsenjäger gibt: in vier Sekunden auf 200 km/h.
Und wo sieht Werner Stengel zukünftige Trends bei Hightech-Achterbahnen? „Der psychische Thrill auf den Fahrgast wird durch seine Sitzposition erhöht. Irgendwann wird man wie ein Drachenflieger unter der Bahn hängen und keinen Bezugspunkt mehr zu etwas Festem haben.“ Außerdem würden Passagiere vielleicht interaktiv in die Fahrt eingreifen können. „Dann kann man mit einem Steuerknüppel Weichen stellen und den Freund oder die Freundin auf besonders entsetzliche Routen schicken. Sich nur passiv von der Technik den Magen umdrehen zu lassen, das wird in Zukunft abnehmen.“ So spricht jemand mit viel Phantasie für Nervenkitzel und kalkulierten Schrecken. Ein Ingenieur, für den fast nichts unmöglich ist. „Nur neulich sollte ich für eine meiner drei Töchter einen Glasschrank von Ikea zusammenbauen. Es ist mir nicht gelungen.“ |
Quelle: FAZ.net vom 21.09.2011 _________________ Denn es ist was los im Isarfloss |
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