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Der Spiegel (1983) "Freier Fall"


 
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Anmeldungsdatum: 01.11.2009
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BeitragVerfasst am: 15.02.2010, 16:20    Titel: Der Spiegel (1983) "Freier Fall" Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Der Spiegel vom 19.09.1983 hat geschrieben:
SCHAUSTELLER

Freier Fall

Die "Fahrgeschäfte" auf Jahrmärkten werden technisch immer raffinierter - aber es kommt weniger zahlende Kundschaft. *

Der Pfarrer hastete, vorbei an Fischimbiß und Geisterbahn, über den Rummelplatz auf dem Hamburger Heiligengeistfeld. Vor der blauweißen Riesenrutsche machte er halt. Wollte der Pater sich in rasender Fahrt talwärts stürzen?

Nicht zum Vergnügen war Schausteller-Pater Heinzpeter Schönig angereist. Die seelsorgerische Pflicht trieb ihn zwischen die bunten Buden. "Auch hier gibt es Christen", erklärte der Pallottiner-Pater aus Bayern und griff zum Mikrophon: "Herr, wir bitten Dich um Deinen Segen für dieses neue Geschäft - im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes ... Amen."

Seit 30 Jahren schon kümmert sich Pfarrer Schönig, als eine Art "Don Camillo der Manege", um Wurstbräter, Karussellbesitzer und Zirkusartisten, soweit sie katholischen Glaubens sind. Die meisten der rund 5000 selbständigen deutschen Schausteller, die jeden Sommer von einer Kirmes zur nächsten ziehen, sind derzeit wohl vor allem auf weltlichen Segen aus - ihr Einkommen wird immer schmäler.

Schon seit mehreren Jahren haben die Inhaber von Auto-Skootern und Schießhallen, von Losbuden und Raupenbahnen zu klagen. "Viele bekommen den eisigen Wind des allgemeinen wirtschaftlichen Rückgangs immer stärker zu spüren", klagte Claus Fuchs, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Schaustellerbundes (DSB), auf dem letzten Delegiertentag seiner Organisation. Wenn die Rezession nicht bald überwunden werde, müßten zahlreiche "Familien um ihre Existenz bangen".

Zwar sind die Besucherzahlen auf den rund 6000 alljährlich stattfindenden Volksfesten mit annähernd 160 Millionen seit Jahren konstant, "aber viele kommen bloß noch, um zu gucken", erläutert Hans Steiger, Vizepräsident des DSB.

Noch 1979, im Rekordjahr der Zunft, hatten die Schausteller fast 1,5 Milliarden Mark umgesetzt - in diesem Jahr sind es schätzungsweise gerade noch 900 Millionen. Steigende Arbeitslosigkeit und sinkende Realeinkommen machen dem Gewerbe schwer zu schaffen. "Auch die Geisterbahn rumpelt in die Krise", meldete die "Frankfurter Rundschau"; die "Süddeutsche Zeitung" verstieg sich zu Existenzkampf-Pathos: "Das Karussell läuft um sein Leben."

Das scheint gelinde übertrieben. Die meisten Waffelbäcker, Achterbahner und Losverkäufer überstehen die Kaufkraft-Krise, weil in ihren überwiegend als Familienbetrieben geführten Geschäften Angehörige aufs Gehalt verzichten oder mit Darlehen einspringen - und weil sich ein Teil der Tageseinnahmen am Finanzamt vorbeischmuggeln läßt.

Wer an die Kundschaft lediglich Plastik-Chips zur einmaligen Benutzung ausgibt, statt Ware mit numerierten Lieferscheinen und Rechnungen zu verkaufen, muß sich vor den Steuerprüfern kaum fürchten. Dafür werden die deutschen Schausteller von anderen Behörden immer heftiger geschröpft. Die Gebühren für Bauabnahme, Strom
(Bei der Segnung einer Riesenrutsche in )
(Hamburg. )


und Standmieten sind innerhalb weniger Jahre drastisch gestiegen, in Einzelfällen um bis zu 500 Prozent. In Dutzenden von Fällen ist der Schaustellerbund bereits vor Verwaltungsgerichte gezogen, um "Wuchergebühren" von den Ordnungsämtern zurückzuverlangen.

Verärgert sind die Besitzer großer Jahrmarktsbetriebe auch über "jährliche Preissteigerungen der Deutschen Bundesbahn zwischen 10 und 20 Prozent", die "nicht länger zu verkraften" seien - so DSB-Funktionär Steiger. Für den Transport seines 61 Meter hohen Riesenrades, der größten mobilen Anlage der Welt, werden 28 Eisenbahnwaggons benötigt. Steiger: "Bei längerer Fahrtstrecke kostet mich das manchmal mehr als 20 000 Mark."

An den rapide steigenden Kosten sind die Schausteller allerdings selber mit schuld: Nach dem Rummelplatz-Motto "Schneller, höher, spektakulärer" decken sie sich mit immer teureren Fahrgeschäften ein, um Konkurrenten zu übertreffen.

Längst haben sie es aufgegeben, selbst neue Attraktionen auszutüfteln und womöglich gar zu bauen, wie früher allgemein üblich. Die Karussell-Lieferanten kommen mit aufwendigen Vierfarbkatalogen direkt in die Wohnwagen, um ihre Kundschaft zu Millioneninvestitionen zu ermuntern.

Bekannte Hersteller wie Mack, Huss, Zierer oder Schwarzkopf offerieren ein komplettes Programm, vom Imbißwagen bis zum Shuttle-Loop. Sogar relativ simpel anmutende Kinderkarussells sind kaum noch unter 500 000 Mark zu haben. Für sogenannte Hochfahrgeschäfte wie "Ranger" und "Enterprise" müssen rund 1,5 Millionen Mark angelegt werden; konkurrenzfähige Riesenräder oder Achterbahnen werden erst zu Preisen zwischen drei und fünf Millionen Mark geliefert.

Vor Neuentwicklungen, die in der Praxis noch nicht getestet wurden, schrecken die meisten Schausteller zurück. Allzuleicht kann sich das finanzielle Engagement als Fehlinvestition erweisen, wenn sich die neue Attraktion als sogenannte Kotzmühle entpuppt, die vom Publikum abgelehnt wird. "Da muß man schon eine verdammt gute Nase haben, wenn man so ein Ding vor der Kaufentscheidung nur als Skizze auf dem Reißbrett sieht", erläutert der Bremer Rudolf Robrahn, der vom Skooter bis zur Riesenschaukel

schon Erfahrungen mit mehreren Geschäften gesammelt hat.

Um diese Art von Risiko sorgen sich die Hersteller nicht. Neuheiten werden erst dann gebaut, wenn der Kaufvertrag unterschrieben ist. Dafür kümmern sie sich um die Finanzierung, vermitteln Leasing-Verträge und nehmen - wenn auch ungern - alte Geschäfte in Zahlung.

Abnehmer für gebrauchte Vergnügungsbetriebe aller Art gibt es vor allem im Ausland. Manche Festwiesenattraktion früherer Jahre, einst Mittelpunkt auf der Dippemess in Frankfurt oder beim Bremer Freimarkt, kreiselt heute in Italien oder England, in Kenia oder auf den Philippinen.

Sogar teure Publikumsrenner wie Rutsche oder "Ranger" bieten keine Gewähr für dauerhafte Rendite. Sobald die Exklusivität der neuen Anlage abbröckelt, weil andere Unternehmer die gleichen Geschäfte kaufen, sacken die Erträge schnell ab. "Wenn viele Schweinchen aus einem Trog fressen, dann wird das Futter mager", sagt der Rotterdamer Schausteller Rinke Kallenkoot, der sein letztes Karussell schon nach einer Saison wieder verkauft hat, "weil es nicht mehr attraktiv genug war".

Auf der Suche nach immer aufregenderen Jahrmarktssensationen entwickeln phantasievolle Ingenieure mitunter merkwürdige Folterinstrumente. Eine der spektakulärsten Horroranlagen kommt von einem Schweizer Hersteller, der Firma Intamin AG: Auf der Anlage "Free Fall", die bereits achtmal in die USA verkauft wurde, können die Rummelbesucher nachvollziehen, was bislang Stuntmen oder Selbstmördern vorbehalten war: "Das neue Erlebnis des wirklich freien Falls."

Ein Kettenaufzug liftet die Vier-Personen-Kabine bis in 35 Meter Höhe. Dort wird die Gondel ausgeklinkt und stürzt (in Leitschienen) senkrecht ab bis zu dem Punkt, an dem sie auf einem Stahlgerüst in die Horizontale umgeleitet wird; Sekundenbruchteile später wird sie mit einer Gewaltbremsung zum Stehen gebracht. Beim Absturz erreichen die Gondeln Spitzengeschwindigkeiten von fast 90 km/h.

Warum jemand freiwillig und für Fahrpreise von oft fünf Mark in derartige Marterinstrumente einsteigt, können auch Psychologen nicht mit Gewißheit erklären. "Manche Leute erinnern sich wohl insgeheim daran, wie sie als Baby von den Eltern durch die Luft gewirbelt wurden", vermutet der Hamburger Universitätsprofessor Adolf Meyer. "Auf

der Kirmes können sie jetzt noch einmal die latente Angst wiedererleben, ob sie aufgefangen werden oder nicht."

Manchmal schlägt der Nervenkitzel in Schauder um. Sieben Menschen starben, 21 wurden verletzt, als im August 1981 ein Schausteller während des Hamburger Doms einen Kranausleger fahrlässig in die Flugbahn des Nachbarkarussells "Skylab" lenkte. Der stählerne Arm des Krans zerschmetterte Gondeln und Insassen.

Insgesamt aber zählen schwere Unglücksfälle, etwa wegen Materialschwäche oder Konstruktionsfehlern, zu den Ausnahmen auf deutschen Volksfesten. Das Sicherheitsrisiko ist geringer als im Straßenverkehr. Unter der Aufsicht von Behörden und TÜV haben die Fahrgeschäfte einen Standard erreicht, der international als vorbildlich gilt.

Dabei wird die fürs Vergnügen eingesetzte Technik immer raffinierter. Ohne Schleuder, Swing und Looping sind selbst Kinder kaum noch anzulocken. Holzpferdchen und Kirmesorgel, unter Erwachsenen nach wie vor Inbegriff kindlicher Jahrmarktsfreuden, werden sogar von Sechsjähigen nur noch widerwillig akzeptiert.

"Wir werden uns umstellen müssen", befürchtet Egon Greger, Besitzer einer 108 Jahre alten Schiffsschaukel, die er stolz als "Deutschlands ältestes Fahrgeschäft" annonciert, die ihm aber seit Jahren nur mehr Verluste einbringt. Fast völlig von den Plätzen verschwunden sind die einst als Rummel-Attraktionen besonders geschätzten Schaubuden. Für die geheimnisvolle "Dame ohne Unterleib" interessiert sich niemand mehr.

Schon warnte der für das Oktoberfest zuständige Referent der Stadt München vor einer "Übermodernisierung auf den Volksfesten". Die Schausteller applaudierten seinem Vortrag - und orderten neue, noch aufwendigere Geschäfte.

Wenn die geliefert werden, gibt es neue Sorgen: Karussellbesitzer und reisende Gastwirte müssen froh sein, wenn sie auf den Festwiesen einen Platz zugeteilt bekommen. Auf beliebten Volksfesten wie dem Münchner Oktoberfest, das am Sonnabend letzer Woche begann, den Cannstatter Wasen oder dem Pützchens Markt in Bonn werden zwei von drei Bewerbern abgelehnt.

So mancher öffentlich angestellte Marktmeister, zuständig für die Auswahl der Schausteller, erwarte für seine Gunst entsprechende Anerkennung, berichten Betroffene. "Machtpositionen werden da teilweise recht unangenehm ausgespielt", weiß Jürgen Fröbisch von der DSB-Geschäftsstelle in Bonn.

Aus Angst, nicht zugelassen zu werden und so die eigene Existenz aufs Spiel zu setzen, schweigt die Mehrheit der Schausteller. Ein Schausteller, inkognito: "Wer nicht mit einer Super-Neuheit aufwarten kann, auf die der Marktmeister scharf ist, muß eben oft schmieren, wenn er nicht draußen bleiben will."

Bei der Segnung einer Riesenrutsche in Hamburg.


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