Isarfloss Isarfloss
Anmeldungsdatum: 06.08.2009 Beiträge: 316
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Verfasst am: 22.10.2009, 16:04 Titel: Kir-Royalisten des 21. Jahrhunderts |
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| Spiegel.de vom 13.Mai 2009 hat geschrieben: |
Kir-Royalisten des 21. Jahrhunderts
München muss sich vor dem neuen Berlin nicht fürchten. München lebt auf seine Art - vitaler denn je. Ein Schlussplädoyer von Michael Graeter.
Jahrzehntelang war das Lokal ein Schläfer. Es hieß "Waldheimer" und wurde im Häuserwald der Innenstadt vergessen. Dann küsste ein gutaussehender Italiener die Dornröschenadresse wach, und seit einem guten Jahr ist sie der Burner.
Umgetauft in den Namen "H'ugo's" glitzert die Trattoria nun in der grauen, engen Betonschlucht einer Bankpassage gegenüber dem Hotel "Bayerischer Hof": eine gastronomische Auferstehung, wie sie so nur in München möglich ist.
Das Wunder gelang Ugo Crocamo, den die Nachtschwärmer als fleißigen Pizzabäcker-Untermieter vom Nobelclub "P 1" kennen. Der alte Boden wurde über Nacht heiß und zum Wallfahrtsort der Schönen, Reichen und Sorglosen, darunter viele Autohändler.
Am langen Tisch gegenüber dem Pizzaofen halten die Starkicker Luca Toni, mit den Armen wild gestikulierend, Massimo Oddo sowie Franck Ribéry Hof.
Auf der Terrasse sitzen auf wetterfestem Rattangestühl Günter Draetzel und Inge Baumgartner, dereinst Besitzer der Schwabinger Trendboutique "Lord John Lady Jane", bei denen sich seinerzeit Mirja Sachs, Bianca Jagger, Rod Stewart oder Bryan Ferry die Türklinke in die Hand gaben; als der Mode-Lord noch eine zu Berge stehende Jimi-Hendrix-Frisur trug und Lady Inge eine feuerrote Löwenmähne, waren alle scharf auf ihr oft kopiertes, aber nie erreichtes Label "Lily Farouche", heute trägt das Designer-Couple a. D. das Haupthaar gezähmt.
Das Paar hat Chianti bestellt und Entrecote, "bitte durch", und kommt kaum zum Essen und Trinken vor lauter Staunen angesichts des kunterbunten Auftriebs der Boys und Girls, die ganz wenig Textil auf der Haut tragen oder die verrückten Siebziger-Jahre-Outfits des Vintage-Style.
Es gibt an diesem Abend nichts Spezielles zu feiern, aber für "H'ugo's" brezelt man sich halt auf. Die Jeunesse dorée ist vollzählig eingekehrt, daneben auch Münchner Alt-Raben mit leicht müdem Blick, in vermeintlich verjüngenden Waschgang-Jeans und Seidenjacketts in leuchtendem Rot, Gelb oder Grün.
Menschen, die glauben, die Münchner Szene drehe sich noch immer um Uschi Glas, Elmar Wepper oder Heiner Lauterbach, erliegen einem Irrtum, der durch den Konsum von zu viel "Bunte" oder "Gala" auch leicht passieren kann. An einem Abend im "H'ugo's" werden solche Menschen belehrt.
Schließlich ist dort die Chance groß, einen der Matadore der neuen Schickeria anzutreffen: etwa den 26-jährigen Michael Beier, Pharma-Erbe, dem sein Papa freundlicherweise die Firma "Tiroler Nussöl" übergab, damit er sein kaufmännisches Talent unter Beweis stellen möge. Oder Max von Thun, Mime und Motorradfreak, der gerade Anwaltstochter Sandy Meyer-Wölden Schauspielunterricht erteilt, nachdem eine Rolle in "Sturm der Liebe" frei geworden ist; oder "Oscar"-Produzent Quirin Berg ("Das Leben der Anderen"), Leihwagen-Jung-Pascha Konstantin Sixt oder die singenden Söhne von Uwe Ochsenknecht, Jimi Blue und Wilson Gonzales. Oder, oder, oder.
Natürlich gibt es das alte Schwabing nicht mehr. Aber es gibt in dieser Weltstadt mit Herz und Nerz eine Kontinuität der Erneuerung, es gibt sie in der Au, in den Garagen und Hinterhöfen der Geyerstraße, wo sich eine formidable Künstlerszene gebildet hat; es gibt sie im Ausdünstkreis des Hauses der Kunst, wo Bildhauer Martin Wöhrl sich daheim fühlt und Alltagsmaler Florian Süssmayr im "Lindwurmstüberl" verkehrt.
Die Kir-Royalisten des 21. Jahrhunderts, das sind Industriedesigner wie Konstantin Grcic, der als Möbelschreiner begann und dessen Werke heute in New York und London hängen. Und es sind die Erben des ziemlich großen Geldes, die Nachkommen von Unternehmensberatern, Anwälten, Fabrikanten.
Es mag in Berlin sich mancher Sorgen machen, was aus München geworden ist, wo es doch nun diese große Stadt im Osten gibt, dieses flirrende Zentrum der Macht, das vor lauter Wichtigkeit das Leben vergisst.
In München macht sich keiner einen Kopf, was in Berlin geschieht, weil jeder weiß, so viel ist es nicht - und bedeutend ist es schon gar nicht. In München verweist man lässig auf die Prachtboulevards wie die Leopoldstraße, die Ludwig, die Brienner, die Maximilian, das ist Champions League, da kann die Möchtegernhauptstadt Berlin noch so den roten Teppich ausrollen, sich mit den Mitteln des Marketings schminken, sich als Filmkulisse andienen - kompakt und gewachsen wirkt die Vereinigte noch lange nicht.
Oder weiß jemand, wo sich die gesellschaftliche Szene des neuen Berlin befindet? Jeder Stadtteil hat sein eigenes Kir Fatal. Das neue "Adlon", als Spielfläche für exklusive, internationale Events gedacht, aber wohl in der Wäsche eingelaufen, hätte ruhig großzügiger ausfallen können, so wie die Hotels in New York oder London. Die gastronomische Präsenz ist enttäuschend. Berlin hat viele Lokale, aber wenige, in die man wirklich gehen kann. Es gibt gerade mal fünf Restaurants, die permanent in den Medien bemerkt werden. Am häufigsten ist es das "Borchardt", ein Modelokal, wie es in München kaum überleben würde.
Die bayerische Landeshauptstadt hingegen kann für sich in Anspruch nehmen, mit zwei Zwei-Sterne-Restaurants vor Berlin zu liegen und dass im Schwabinger "Tantris" die Genuss-Revolution ihre Urständ feierte: Essen nur zur Befriedigung des Hungers wurde kaltgestellt.
Ob sie es zugeben oder nicht: Berlin, wo es mehr asymmetrische Haarschnitte und Menschen mit Nordic-Walking-Stöcken gibt als in jeder anderen deutschen Stadt, schaut immer noch gern über den Zaun, was sich in München tut, und Hamburg reizt das weiß-blaue Treiben sowieso auf eine beinahe schizophrene Weise. Man verdammt zwar sogenannte Schickimickis, scheint aber stets auf dem Laufenden zu sein, was im Süden die Deppen der Nation so machen, die Bayern-Seppls, die sich nur von Leberkäs' und Bier ernähren.
So bereiteten die steifen Hanseaten dem quirligen Münchner Figaro Gerhard Meir, als der seinen ersten Auswärtsschneideplatz im Hotel "Atlantic" eröffnete, einen geradezu messianischen Empfang. Die Damenwelt schmiss sich für das Friseurladen-Opening ins Festtagsgewand, als würde man die Bayreuther Festspiele besuchen. Um Meir ist es inzwischen stiller geworden; er hat sich in seine Münchner Stammstätte zurückgezogen, und niemand im Schatten der Zwiebeltürme hält ihn noch für die Nummer eins.
Denn längst ist eine neue Generation an der Münchner Haarspitze angetreten: Ralph und Roby vom "Bash"-Club, die wohl einzigen heterosexuellen Männer mit den Scherenhänden, bearbeiten in ihrem zweigeschossigen Beauty-Palais die schönen Köpfe der Stadt. Sie erfanden die Stromschlagfrisuren von Oliver Kahn und Bastian Schweinsteiger, und in Barcelona wurde Roby vom berühmtesten aller Hairstylisten belobigt, von Vidal Sassoon: "Ich habe in meinem Leben schon lange keinen mehr gesehen, der so gut schneiden kann", schwärmte der Meister.
Während man von der Elbe aus die reiche Szene Münchens als "Leichtmetall" belächelt und alle gesellschaftlichen Absonderlichkeiten als peinlich abstraft, erzählt man über sich gern und eindringlich, die Hamburger Gesellschaft sei eine geschlossene, in die man nicht leicht hineinkomme, in der man den Reichtum verberge und Auffälliges meide. Was die Nordlichter nicht ahnen: Diesen Typ Mensch gibt es in München auch, wenn nicht sogar in weit größerer Anzahl, aber der Bayer kokettiert nicht mit grauer Diskretion. Niemand, außer den Herrschaften im Grundbuchamt, kennt die Namen der milliardenschweren Besitzer der Häuserzeilen in der Kaufinger- und Neuhauserstraße. Die Eigentümer leben hanseatisch zurückgezogen.
Die richtig gespickten Münchner haben verschwiegene Adressen in den feinen Vierteln der Stadt oder an den Seen der Peripherie. Es kann passieren, mit Karl Albrecht ("Aldi Süd") oder Otto Beisheim ("Metro") bei einer Maß am Biergartentisch zu sitzen auf einem der Waldfeste, die an den Wochenenden im Tegernseer Tal unter freiem Himmel stattfinden. So getarnt volksnah gibt sich Baron August von Finck nicht: Der Bankier und "Mövenpick"-Großaktionär hat die Befähigung zum Hubschrauberfliegen, was ihm die Umgehung des obligatorischen Verkehrsstaus zwischen seinen Großanwesen in München und am Starnberger See mit dem eigenen Heli ermöglicht.
Was uns das lehrt? Dass wahre Prominenz in der Metropole der Prominenten sich nicht an der Abdruckfrequenz in Hochglanzzeitschriften festmacht. Wer politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich am Rad der Stadt dreht, der wählt seine Ausflüge in die Öffentlichkeit mit Bedacht. Beim jährlichen "Salvator"-Anstich auf Münchens Bierhügel Nockherberg erscheinen beispielsweise rund 600 Herren (und neuerdings kommen immer mehr Damen dazu), die zum Netzwerk der unterschiedlichen Society-Szenen gehören und untereinander verbunden sind. Dadurch entsteht flächendeckendes Vitamin B - und Unmögliches wird möglich gemacht.
Stammtische sind die Zapfsäulen aktueller Wissensstände, wer mit wem, wer auf wem, wer nicht mehr unter wem. Stammtische mögen altbacken daherkommen, aber sie sind der Treibstoff für Geschäfte und Gaunereien. Im über hundert Jahre alten "Bratwurst Glöckel" steht so eine Verschwörungstafel, an der sich niemand niederlassen darf außer Achterbahn-Unternehmer Rudolf Barth mit Junior Otto, Christian Udes betulichem Referenten Hansi Eichstätter, SPD-Politiker Hermann Memmel, Brillenkonsul Carl-Peter Söhnges und Häuserbaron Walter Hammele. Ein anderes wichtiges Rundmöbel steht im Biergarten "Augustiner-Keller". Bei schlechtem Wetter ist es der "Gantertisch" links am Eingang, bei schönem Wetter residiert die verschworene Gemeinschaft unter der großen Kastanie. Neben Ex-Finanzrichter Christian Dörge und Scheidungsanwalt Hermann Messmer sitzt dort Bankier Thaddäus Joseph Kühnel, ein guter Freund von Papst Benedikt XVI., den er jeden Monat in Rom besucht.
Vielleicht wird künftig ja auch Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser um einen Platz am Gantertisch buhlen. Der mit viel Wegegeld verabschiedete Industriemanager kaufte sich für circa sechs Millionen Euro eine Penthouse-Wohnung im Herzogpark - und wird nach umfangreichen Umbauten damit Nachbar von Joachim Thyssen, dem Gastroketten-Inhaber und Bruder der Begum, Noch-Ehefrau von Ismailitenführer Karim Aga Khan IV.
Ein anderer Herzogpark-Freund muss seit einiger Zeit dagegen auf das süße Leben in Münchens Desperate-Housewives-Quartier verzichten: Finanzkünstler und Pleitier Jürgen Schneider wurde um sieben Uhr früh rüde aus der Luxus-Dachwohnung (mit Swimmingpool) geholt. Möbelwagen waren vorgefahren und ein Notarzt, der Schneider im Rollstuhl abtransportierte.
Das Pech des Geldschneiders: Das Penthouse gehörte seinem Sohn, der jedoch in Zahlungsschwierigkeiten geraten war, weshalb das Apartment gepfändet wurde. |
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